Sattelkomfort ist kein Zufall – er hängt von den richtigen Kontaktpunkten ab. Ist der Sattel zu schmal, entsteht Druck an Stellen, an denen er nicht hingehört. Ist er zu breit, können Reibung, Taubheitsgefühle und der ständige Drang entstehen, die Sitzposition zu verändern. Der oft übersehene Schlüssel ist die Sitzknochenbreite: eine einfache Messung, die die Grundlage dafür schafft, einen Sattel zu wählen (oder zu entwickeln), der Sie wirklich unterstützt.
Messung der Sitzknochenbreite: Wichtiger als Sie denken
Die Wahl des richtigen Sattels kann sich wie eine seltsame Mischung aus Wissenschaft, Aberglauben und versenkten Kosten anfühlen. Der eine sieht „rennmäßig“ aus, der andere verspricht „ganztägigen Komfort“, und am Ende verhandeln Sie doch noch mit Ihrem Hintern – oft spätestens bei Kilometer 60.
Die weniger glamouröse Wahrheit ist: Die Sattelbreite gehört zu den wichtigsten Faktoren für Komfort – und sie beginnt bei der Sitzknochenbreite.
Ihre Sitzknochen (ischiale Tuberositäten) sind die knöchernen Punkte, die beim Sitzen die Hauptlast tragen. Wenn ein Sattel sie richtig unterstützt, verteilt sich der Druck dort, wo Ihr Körper ihn gut verkraften kann. Wenn nicht, werden häufig die Weichteile belastet – und genau dann entstehen Taubheitsgefühle, Druckstellen und Schmerzen.

Warum die Sitzknochenbreite wichtiger ist als „weiche“ Polsterung
Ein Sattel mit der falschen Breite führt fast immer zu denselben Problemen:
Wenn Ihr Sattel zu schmal ist
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Sie können einen stechenden, punktuellen Druck spüren (oft beschrieben als „als würde man auf einer Rasierklinge sitzen“).
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Ihr Becken kann instabil werden, sodass Sie ständig Ihre Sitzposition verändern.
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Weichgewebe müssen dann Belastungen übernehmen, für die sie nicht ausgelegt sind.
Wenn Ihr Sattel zu breit ist
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Es kann zu Scheuern und Reizungen an den Innenseiten der Oberschenkel kommen.
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Es kann die natürliche Hüftbewegung einschränken, besonders bei höherer Trittfrequenz.
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Sie können sich vorne „blockiert“ fühlen, was wiederum zu Haltungsänderungen führen kann, die neue Probleme verursachen.
Das Ziel ist nicht „mehr Polsterung“. Das Ziel ist die richtige Unterstützung an der richtigen Stelle.
Der fehlende Kontext: Die Fahrposition verändert die Kontaktpunkte
Zwei Fahrer können die gleiche Sitzknochenbreite haben und trotzdem unterschiedliche Sattelbreiten bevorzugen, weil die Fahrposition beeinflusst, wie der Sattel belastet wird.
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Eine aufrechtere Sitzposition (Pendeln, lange Ausfahrten) führt tendenziell zu mehr Druck auf den Sitzknochen → und profitiert oft von mehr unterstützender Breite und Stabilität im hinteren Bereich.
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Eine aggressivere Position (Straßen- oder Gravelrennen, Aeropositionen) kippt das Becken nach vorne → dadurch werden leicht andere Bereiche belastet, weshalb Form und Nasenprofil eine größere Rolle spielen.
Ja – die Sitzknochenbreite ist grundlegend, aber nicht der einzige Faktor. Man kann sie sich als Ausgangspunkt auf der Komfortkarte vorstellen.
Warum „Damensättel“ oft am Ziel vorbeigehen
Spezielle Damensättel sind in der Theorie eine gute Idee – doch die Realität auf dem Markt ist komplizierter. Viele „Damensättel“ setzen standardmäßig auf breite Formen und viel Gelpolsterung, die sich zunächst sehr weich anfühlt – fast wie auf einem Sofa zu sitzen. Das Problem: Gel kann sich anfangs komfortabel anfühlen, bietet aber auf Dauer oft keine stabile Unterstützung für die Sitzknochen und verlagert den Druck manchmal genau dorthin, wo man ihn nicht haben möchte.
Der bessere Ansatz ist nicht „mehr Gel“. Es geht um Unterstützung an den richtigen Stellen und Entlastung dort, wo sie gebraucht wird – basierend auf der tatsächlichen Anatomie und Fahrposition.

Wie Sie Ihre Sitzknochenbreite zu Hause messen
Sie brauchen kein Labor, um brauchbare Daten zu erhalten. Alles, was Sie benötigen, ist etwas, das einen klaren Abdruck hinterlässt – und eine Möglichkeit, den Abstand zwischen den beiden tiefsten Punkten zu messen.
Karton + Folie (schnell und überraschend effektiv)
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Legen Sie ein Stück Wellpappe auf einen harten Stuhl.
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Legen Sie Aluminiumfolie darauf (so werden die Vertiefungen besser sichtbar).
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Setzen Sie sich mit abgestützten Füßen hin und lehnen Sie sich leicht nach vorne – so wie auf dem Fahrrad.
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Stehen Sie vorsichtig auf und suchen Sie nach zwei klaren Abdrücken.
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Messen Sie den Abstand zwischen den beiden Punkten von Mitte zu Mitte.
Tipp: Wiederholen Sie den Vorgang zweimal, um sicherzustellen, dass die Abdrücke konsistent sind.
Ihre Zahl richtig einordnen (ohne zu viel darüber nachzudenken)
Ihre Sitzknochenbreite entspricht nicht automatisch Ihrer „idealen Sattelbreite“. Sättel sind in verschiedenen Zonen geformt, gepolstert und stützend aufgebaut – deshalb übersetzen Sattelhersteller die Sitzknochenbreite oft in einen empfohlenen Bereich für die Sattelbreite.
Wie die Messung der Sitzknochenbreite mit dem Smiling Butt Kit funktioniert
Die Messung der Sitzknochenbreite klingt vielleicht kompliziert, ist für Joyseat-Kunden aber so gestaltet, dass sie schnell und einfach funktioniert.
Schritt für Schritt
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Nach Ihrer Bestellung erhalten Sie das Smiling Butt Kit per Post.
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Sie tragen eng anliegende Unterwäsche und setzen sich auf das Schaumstoffpad, um einen Abdruck Ihres Gesäßes zu machen.
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Sie sehen anschließend zwei Vertiefungen bzw. Abdrücke (oft unterschiedlich tief – völlig normal).
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Dann machen Sie neun Fotos des Abdrucks aus verschiedenen Blickwinkeln (die Anleitung finden Sie auf der Verpackung oder im Handbuch).
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Laden Sie die Fotos in den Konfigurator hoch – und fertig.
Sie müssen das Set nicht zurückschicken. Wenn Sie möchten, können Sie es als modernes Kunstwerk in Ihrer Garage aufhängen.
Photogrammetrie + Algorithmus: Das „Wie“ hinter der Messung
Bei Joyseat wird die Sitzknochenbreite mithilfe des Smiling Butt Kits erfasst und anschließend mit einer photogrammetrischen Methode verarbeitet, die in Zusammenarbeit mit Bike-Fittern und Experten der Tschechischen Technischen Universität (CVUT) entwickelt wurde. Der Prozess nutzt mehrere Fotos Ihres Abdrucks. Ein KI-gestützter Algorithmus identifiziert die tiefsten Punkte und berechnet den Abstand zwischen ihnen – bis auf ein Zehntelmillimeter genau – als wichtige Grundlage für das Design eines maßgefertigten Sattels. Darauf aufbauend werden die Abmessungen und Stützeigenschaften des Sattels anhand Ihrer Angaben im Konfigurator und Ihres Fahrstils weiter angepasst.

Vom 3D-Modell zum 3D-gedruckten Sattel (was nach dem Upload passiert)
Sobald Ihr personalisiertes Modell erstellt wurde, geht es nicht ohne weitere Prüfung direkt in den Druck.
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Die Experten für parametrisches Design bei Posedla überprüfen das Modell.
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Die flexible Oberstruktur wird anschließend auf einem industriellen 3D-Drucker aus TPU (thermoplastischem Polyurethan) gefertigt.
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Nach dem Druck wird das Oberteil manuell gereinigt und anschließend dampfgeglättet, um die Oberflächenporen zu versiegeln – damit es Wasser nicht wie ein Schwamm aufnimmt.
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Dann wird es eingefärbt.
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Währenddessen bereitet das Team im tschechischen Varnsdorf die Schale und die Sattelstreben vor. Anschließend wird der Sattel montiert, verpackt und direkt an Sie versendet.
Es ist eine Mischung aus algorithmischer Präzision und echter Handarbeit – denn Komfort entsteht im Detail.
Was das bedeutet, wenn Sie einen beliebigen Sattel wählen (nicht nur einen maßgefertigten)
Selbst wenn Sie einen Sattel von der Stange kaufen, hilft Ihnen die Sitzknochenbreite, vom bloßen Raten zu einer fundierten Vorauswahl zu gelangen. Sie wird Ihnen zwar nicht automatisch den einen perfekten Sattel liefern (Form, Fahrposition, Setup und Bib Shorts spielen weiterhin eine Rolle), aber sie bewahrt Sie davor, immer wieder Sättel mit „fast passender“ Breite zu kaufen.
Verwenden Sie die Sitzbeinhöckerbreite als Ausgangspunkt und verfeinern Sie diese anschließend mit:
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Ihrer Fahrposition (aufrechte Endurance-Position vs. aggressive Aero-Position)
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Sattelform (flach vs. gebogen)
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dem Nasenprofil (besonders, wenn Sie das Becken stark nach vorne kippen)
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Einrichtung: Höhe, Neigung und Längsrichtung
Komfort ist ein System. Doch jedes System beginnt mit Unterstützung an der richtigen Stelle.